Wein des Monats
April 2006
Weingut J.B. Becker, Walluf/Rheingau
Seit die Franzosen zu Beginn des 19. Jahrhunderts in ihrem revolutionären Freiheitsdrang das westliche Deutschland entlang des Rheins von den absolutistischen Monarchen befreiten und den Pfaffen die Kirchenbesitztümer abnahmen oder vornehmer ausgedrückt säkularisierten, machen Beckers in Walluf Wein.
Die feinste Lage in Walluf, wo urkundlich belegt seit über 1000 Jahren Weinbau betrieben wird, ist der Walkenberg, mit Riesling und Spätburgunder bestockt. Und der Winzer, der mit beiden Rebsorten virtuos umgeht, ist Hans-Josef Becker. Er führt das Weingut zusammen mit seiner Schwester Maria. Beide scheinen den französischen Freiheitsidealen verpflichtet, machen sie doch einfach was sie wollen. Und sie wollen einfach guten Riesling und Rotwein machen; traditionell, handwerklich und individuell.
So sind Beckers Weine alles andere als stromlinienförmig. Wenn trocken auf dem Etikett steht, dann sind sie auch wirklich durchgegoren. Moderne Winzer machen heute trockene Weine modern trocken, das heisst, mit einigen Gramm Restzucker, die die Säure ein wenig puffern und die Weine milder machen.
Nicht so die Beckers. Wer die Säure nicht verträgt, soll halt warten mit dem trinken, bis der natürliche Reifeprozess den Wein harmonisiert. Wegen der Reife kann man bei Beckers auch keinen jahrgangsfrischen Wein kaufen. Jetzt gibt es gerade mal den 2004er. Auf die Frage nach dem aktuellen Jahrgang 2005 antwortet Herr Becker noch nicht mal, da zuckt er nur kurz mit dem Schnauz.
Den oben abgebildeten 99er Walkenberg gibt es immer noch in der Magnumflasche - kaufen!
Beckers arbeiten bei der Weinbereitung sehr konservativ. Die Weine werden in grossen Holzfässern zu 600, 1200 und 2400 Litern vergoren und in diesen Fässern auch bis zur Abfüllung auf der Feinhefe gelagert. Das kann gut und gerne bis zu einem Jahr dauern. Die Weine werden nicht geschönt oder filtriert, sie kommen mit all ihren Aromen in die Flasche.
Für Einsteiger in Hans-Josef Beckers Weinwelt gibt es den
2004er Walkenberg Riesling Kabinett trocken 17.50
Den sollten Sie dekantieren und eine Zeit lang lüften. Anfangs kann er aus dem Glas stinken, wie ein Geist, der seinem Unmut Luft macht über die lange Lagerung in der engen Flasche. Aber dieser vermeintliche Böckser oder Kellerton macht kernigen und kräftigen Weinaromen Platz, die die Herbheit des Weines unterstützen. Wenn ein Wein zu Austern passt, dann dieser!
P.S. Vor Beckers Haus türmen sich übrigens die leeren Austernschalen. Der Mann weiss, was zusammengehört.